Eve Diora wurde am 13.9.1905 unter dem Namen Rosa Kaplan in Chicago geboren. Ihre Kindheit war in keinster Weise das, was man als „behütet“ bezeichnen würde. Rosas Vater Allan war Alkoholiker, arbeitslos und hielt sich deshalb den ganzen Tag in der kleinen, dreckig grauen Wohnung in der Nähe der Docks auf, in der sie wohnten. Nüchtern war er unausstehlich. Er hatte an allem etwas auszusetzen und beleidigte jeden der ihm unter die Augen kam, doch wenn er getrunken hatte wurde es noch schlimmer... Er wurde gewalttätig und schlug Rosa, vor allem aber ihre Mutter Margaret. Margaret, eine dürre, immerzu kränklich aussehende Frau, arbeitete als Putzfrau für einige größere Fabriken. Von ihrem eher spärlichen Gehalt bezahlte sie den Alkohol für ihren Mann, für mehr reichte es kaum. Rosa hatte nie eine besonders gute Beziehung zu einem ihrer Elternteil, was dazu führte, dass sie schon als Kind selten zu Hause war. Lieber streunte das schwarzhaarige Mädchen durch die kleinen verwinkelten Gassen zwischen den grauen Häuserblocks. Sie war oft einsam, denn die andere Kinder hielten sich lieber von ihr fern. Ihre geradezu unnahbare und leicht aggressive Art schreckte sie ab. So lernte sie schnell sich alleine durchzuschlagen.
Als Rosa älter wurde, begann sie einen immer größeren Hass auf ihre Eltern zu entwickeln. Auf ihren Vater, weil er sie nieder machte und manchmal schlug und auf ihre Mutter, weil sie sich nie gegen Allan wehrte. Sie konnte einfach nicht verstehen wie Margaret sich so etwas immer und immer wieder gefallen lassen konnte und ihn trotzdem noch umsorgte und alles für ihn tat. An einem Tag im Herbst als Rosa 17 Jahre alt war eskalierte die Situation. Als sie Nachmittags nach Hause kam, war ihr Vater bereits volltrunken. Rosa beachtete ihn erst nicht, schließlich kannte sie es kaum anders. Doch dann begann Allan sie an Hüfte und Taille zu berühren und versuchte sie zu sich in den alten braunen Sessel zu ziehen. Rosa roch den alten Schweiß der zusammen mit Resten von Bier und Schnaps, überall an Allans dreckigem, ehemals weißem Unterhemd klebte. Sie fühlte seine aufgedunsene Hände an ihrem Körper und hörte seinen Atem an ihrem Ohr. Voller Ekel und Angst schlug sie ihm ins Gesicht und befreite sich so aus seinem Griff. Allan begann zu brüllen und sie als dumme Schlampe und Stück Dreck zu beschimpfen. Eine unbändige Wut stieg langsam in Rosa auf, als sie den fetten, schreienden Mann aus einiger Entfernung betrachtete. Es war als wäre ein Schalter in ihrem Kopf umgelegt worden. Vollkommen ruhig und gefasst drehte sie sich um und schritt langsam in das Schlafzimmer ihrer Eltern. Nun endlich war ihr vollkommen klar, was sie tun musste. Sie ging an den dreckigen Kleiderbergen vorbei zu dem kleinen Schrank neben dem Bett ihrer Eltern und öffnete die unterste Schublade. Was sich darin befand, wusste sie, war die Lösung für all ihre Probleme... Unter ein paar Zeitschriften versteckt lang die kleine schwarze Kiste. Sie holte sie heraus und öffnete sie. Sie war nicht abgeschlossen, typisch für Allan. Auf ihn war Verlass. Als sie die Pistole in ihrer Hand wog und lud, durchströmte ein unglaubliches Wohlgefühl ihren Körper. Sie fühlte sich zum ersten mal wirklich stark und überlegen. Es war ein wunderbares Gefühl. Der Umgang mit der Waffe war nicht schwer. Oft genug hatte sie Leute auf der Straße schießen gesehen. Langsam, mit den Händen hinterm Rücken ging sie zurück zu Allan. Er war noch immer in Rage und begann sofort wieder zu pöbeln, als er sie sah. Ein zuckersüßes Lächeln umspielte Rosas Mundwinkel, als sie langsam die Hände hinter dem Rücken hervor zog, mit der Waffe auf ihn zielte und jegliche Farbe aus Allans Gesicht wich. Sie stand nur etwa zwei Meter von ihm entfernt. Plötzlich war er ganz still. Angst spiegelte sich in seinen kleinen Schweineaugen und es gefiel ihr. Dann drückte sie ab. Der Rückschlag war hart aber sie fing sich sofort wieder. Überall war Blut. Sie hatte gut getroffen, direkt in den Kopf. Es war ein befreiendes Gefühl. Sie blieb noch einige Minuten so stehen und genoss den Anblick. Wie er da so lag, mit aufgerissenen Augen... Es war wundervoll. Dann drehte sie sich um, wusch sich und packte einige Dinge zusammen und ging. Sie schaute nicht einmal zurück. Die Waffe in ihrer Tasche gab ihr ein Gefühl von Macht und sie wusste, ein neues Leben hatte für sie begonnen...
An diesem Tag legte sie den ohnehin verhassten Namen ab. Ein neues Leben erforderte einen neuen Namen. Ab heute war sie Eve.
Nachdem Eve ihre „Familie“ verlassen hatte, schlug sie sich mit kleineren Diebstählen durch. Nach einigen Monaten die sie vollkommen alleine verbrachte, lernte sie Henry kennen. Er war 19 und kannte sich gut auf der Straße aus, denn er lebte hier schon seit einigen Jahren. Zum ersten Mal fühlte sich Eve von einem Menschen wirklich verstanden. Sie verbrachte ihre Zeit sehr gerne mit ihm. Außerdem vereinfachte es vieles, wenn man zu zweit war. Anfangs trafen sie sich nur ab und zu, doch mit der Zeit wurde es immer mehr. Bald trennten sie sich kaum noch. Eve verspürte ein Gefühl, dass sie so noch nie hatte. Sie hatte sich verliebt. Henry und Eve gingen zusammen „Geld verdienen“. Ihre bis dahin größte Aktion sollte kurz nach Eves 18. Geburtstag statt finden. Sie hatten sich für ein kleines Juweliergeschäft entschieden. Tage vorher hatten sie alles ausgekundschaftet und sich einen Plan zurecht gelegt. Henry erzählte ihr, er hätte am Abend eine Überraschung für sie, doch dazu kam es nie. Der Plan sah vor, dass sie kurz vor Ladenschluss vorne ins Geschäft ging, Henry sollte durch den Hintereingang kommen um ihr so Deckung zu geben. Doch als sie das Geschäft betrat und die Waffe zog, gab es von Henry keine Spur. Nur durch Zufall und viel Glück konnte sie an diesem Abend der Polizei entkommen.
Sie war verwirrt und enttäuscht. Warum war Henry nicht gekommen? Warum hatte er sie hängen lassen? An diesem Abend schwor sie sich nie wieder einem Mann zu vertrauen. Auch wenn sie es niemals zugeben würde, dieser Tag hatte tiefe Wunden hinterlassen, die so schnell nicht heilen würden.
Mittlerweile war Eve 29 Jahre alt. Es hatte sich in den letzten Jahren vieles verändert. Sie besaß nun eine große Druckerei (der vorige Besitzer war auf mysteriöse Weise gestorben und hatte sie ihr hinterlassen) und hatte sich ein kleines Imperium aufgebaut. Sie spielte mit der Angst der Leute in South-Chicago. Ihre nicht unbedingt intelligenten aber dafür sehr großen und muskulösen „Mitarbeiter“ sorgten dafür, dass sie die Menschen in „ihrem Viertel“ genug respektierten um sich mit bestimmten monatlichen Summen ihr Wohlwollen zu sichern. Wer das nicht tat wurde häufig nie wieder gesehen oder kam bei einem tragischen Unfall ums Leben. Töten war für sie keine große Sache. Es gehörte schließlich zum Geschäft und sie ließ den Leuten ja immer eine Wahl (Geld oder Leben...). Eve war bekannt und sie war reich. Ihr Büro und ihre Wohnung waren voll mit Kunstwerken verschiedenster Künstler. Kunst faszinierte sie. Häufig war sie mit ihren dekadenten Pelzmänteln und extravaganten Abendkleidern in Galerien oder in der Oper anzutreffen. Sie zeigte sich gern und prahlte mit dem was sie hatte. Vor allem aber war die Öffentlichkeit wichtig um die Geschäfte voranzutreiben.
Ihr Einfluss in der Stadt war in bestimmten Bezirken recht groß aber eben nur in bestimmten Bezirken. Dies war ihr ein Dorn im Auge. Sie wollte auch den Rest der Stadt für sich, doch ihre Gegner waren stark und nicht dazu bereit, irgendetwas kampflos aufzugeben. Sie verbrachte viel Zeit damit Pläne zu schmieden und ihr Imperium zu verwalten. Sie hatte vor ihr Vorhaben zu verwirklichen, koste es was es wolle.
Einen Partner, sowohl privat als auch Geschäftlich hatte sie nie. Ihre ständig misstrauische Art hielt sie davon ab. Vor allem geschäftlich vertrat sie außerdem den Standpunkt, dass man die wichtigen Dinge lieber selbst in die Hand nehmen sollte, denn man konnte sich auf niemanden außer sich selbst wirklich verlassen. Hatte sich jemand auf ihre Kosten etwas zu Schulden kommen lassen so verfolgte sie ihn, bis sie ihn hatte. In solche „Hetzjagden“ konnte sie sich regelrecht hinein steigern. Sie war aufbrausend und rachsüchtig.
Abends wenn sie alleine mit Absinth ihrer pechschwarzen Katze auf dem Balkon ihrer Wohnung stand dachte sie noch manchmal an damals. Doch solche Gedanken verdrängte sie schnell wieder. Sie liebte Katzen, denn sie standen für all die Eigenschaften die sie für erstrebenswert hielt: Anmut, Intelligenz und vielleicht auch ein wenig Dekadenz.