Wenn du jetzt deinen Blick auf diese kleine Lücke zwischen den beiden grauen, von Staub und Unrat der Menschen entstellten Häusern lenkst, die jedem, der sie zu sehen bekommt, das Gefühl vollständiger Beklemmung verursachen, wirst du etwas sehen, dass du hier nicht erwartest. Die ganze Zeit schon bist du durch diesen Moloch von nie endender Stadt gewandert, ziellos, rastlos, voller unerfüllbarer Sehnsucht nach Leben, denn du weißt, dass du die Stadt nicht verlassen kannst, egal wie weit du läufst. In den letzten Jahrzehnten ist sie immer weiter gewachsen, Fabriken, Schlote, mehr Fabriken mit immer mehr Schloten - andere Menschen sieht man fast keine mehr. Und wenn, dann sind sie damit beschäftigt, zur Arbeit zu gehen oder, wenn der Abend anbricht und die glutrote, bedrohlich feurige Sonne am Horizont untergeht, zurück zu ihren Wohnlagern zu wandeln, die sie beherbergen werden, bis der Feuerball wieder über den Häusern erscheint, und das traurige Spiel von vorn beginnt.
Aber nun zu dir. Vor dir im giftigen Staub sitzt ein Kind. Zuerst siehst du nur ein Menschlein, das ebenso grau ist, wie der Rest der Stadt, aber dann siehst du genauer, auch wenn das Kind noch mit dem Rücken dir zugewandt im Staub sitzt.
Die Schleife in seinem lockigen Haar, noch jetzt kannst du erkennen, dass sie einmal leuchtend rot gewesen sein muss und in dem einst strahlend gelbweißen, gelockten Haar geleuchtet hat. Und es trägt eine Latzhose, die breiten, grünen Streifen auf dem einst weißen Stoff sind längst verblichen, überall sind Löcher, aber dennoch leuchtet dieses Kind aus der Welt heraus, scheint hier seltsam unzugehörig, aber dennoch so natürlich. Und ja, was tut dieses Kind hier ganz allein?
"Hallo, komm und setz Dich zu mir"
"Aber - wer bist Du überhaupt?"
"Ich bin Emma. Lass mich dir meine Geschichte erzählen. Ich wurde geboren am 10. Juni des Jahres 1832 in einem Vorort von Paris als Kind armer Bauern. Meine Eltern mussten hart und unter ungerechten Bedingungen arbeiten und ich musste schnell verstehen, dass das Spielen ein großes, nicht selbstverständliches Geschenk war. Oft wurde ich geschlagen und von meinem harten, verbitterten Vater angeschrien, weil er wütend war, wenn er mich auf dem Boden sitzen sah, ganz in das Spiel mit meinen Steinen versunken, von denen ich eine stattliche Sammlung besaß, die ich immer in meiner Hosentasche mit mir herumtrug.
Als mein Vater aber eines Abends, nachdem er von schwerem Tagwerk nach Hause zurückkehrte, und besonders wütend war, sodass er mit seiner geballten Faust auf mich "verwöhntes Gör" einprügelte, und prügelte und prügelte, sodass ich fürchtete, er würde mir mit seiner unbarmherzigen Hand mein Leben austreiben, beschloss ich, wegzulaufen und nie mehr wieder zu kommen.
Und ich lief, nachdem ich nachts nichts mehr außer dem röchelnden Schnarchen meines Vaters und den schläfrigen Seufzern meiner Mutter hörte, lief und lief. Immer tiefer in Paris hinein, immer weiter weg von den Vierteln, die von Elend, Cholera und Hunger gebeutelt waren, in denen die Menschen bitter waren und die Kinder starben. Lief, bis ich nicht mehr konnte und der Morgen anbrach.
Ich war mitten in Paris gelandet. Ich stand an der Seine, und kam mir gleichzeitig so verloren und überwältigt vor wie noch nie in meinem Leben. Den ganzen Tag stand und saß ich am Seineufer, vergaß, wie müde ich nach dieser Nacht hätte sein müssen und staunte ob des viel beschimpften Reichtums, der sich meinen Augen darbot. Vor mir lag ein riesiger Palast, dessen Größe mich erschaudern ließ, kannte ich doch nur die Häuser in unserem armen Viertel, die in Wirklichkeit jedoch mehr Hütten als Häuser waren. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste - ich war am Louvre gelandet, der ewigen Baustelle des alten Paris, und die Geschäftigkeit der Handwerker, das Treiben in den Straßen und all die ungewohnten Eindrücke ließen mich die Zeit vergessen, sodass ich kaum bemerkte, wie der Tag vorüberzog und der Abend hereinbrach, während es um mich herum immer stiller wurde.
Ich bekam Angst, spürte, wie hungrig und müde ich war und fing leise an zu schluchzen. Ich dachte, es wäre aus mit mir, fern vom Schutz der elterlichen Hütte und die fast täglichen Schläge schienen mir auf einmal ein geringer Preis für dieses Stückchen Sicherheit. Also hielt ich mich an dem, was mir blieb fest und kramte mit schmutzigen Fingerchen die Kiesel aus den Taschen meines hellblauen Röckchens, das aber angesichts des Staubes und Schmutzes schon längst eine hellbraune Farbe angenommen hatte. Apathisch ließ ich die Steinchen mit leisem Klicken aufeinanderfallen, um mir ein vertrautes Geräusch zu erzeugen, das mich trösten sollte.
Siehst Du, einen der Steine habe ich immer noch!"
Verwundert wirst du aus deiner Trance gerissen, die durch die wundersame Geschichte des kleinen Mädchens entstand und du schaust auf das, was Emma nun von Boden aufgehoben in Ihrer Hand hält. Ein wunderschönes Kästchen, in etwa so groß, wie ein in der Mitte gefaltetes Blatt Papier und aus fast schwarzem Holz. Auf ihrem Deckel war ein Wappen eingelassen, aus den Lilien der französischen Könige vor Napoleon. Aber nicht in ihrer urspünglichen Erscheinung auf einem blauen Wappen, sondern golden in schwarzem Ebenholz. Wie alt mochte dieses Kästchen wohl sein, fragst du dich? Und wie kommt dieses Kind, oder was auch immer es sein mag, in den Besitz einer solchen Kostbarkeit? Wie kam dieses Kind überhaupt hierher?
Noch während du dir all diese Fragen stellst, lächelt das Mädchen dich an und öffnet das Kästchen. Du weißt nicht, was dich mehr in deinen Bann zieht: Ihr Gesicht, dass sie dir nun zum ersten Mal zuwendet, oder der Inhalt des Kästchens. Beides scheint dir uralt zu sein. Zwar ist die Haut und die Gesichtsform des Mädchens die eines ganz normalen 8-Jährigen Mädchens. Die Stubsnase, die bleiche Haut, die fülligen Wangen und das ehrliche Lächeln, das man in der Gegenwart nur noch so selten sah, so selten, wie Kinder im Allgemeinen. Aber irgendetwas scheint anders zu sein. Die Augen des Kindes sind nicht die Augen eines 8-Jährigen Mädchens, es sind die Augen einer weisen alten Frau, die ein langes Leben gelebt hat und viel Enttäuschung und Freude erfahren hat. Emma scheint uralte Augen zu haben und genauso uralt mutet der Inhalt des Kästchens an, dem sie nun einen kleinen runden schwarzen Kieselstein entnimmt und es wieder schließt, bevor du genauer sehen kannst, was darinnen alles verborgen sein mag.
"Hier, nimm, das ist alles, was mir von meinen Kieselsteinen übrig ist."
Warum erzählt sie mir das alles fragst du dich, aber etwas zieht dich so in seinen Bann, dass du Angst hast, sie zu unterbrechen und damit ihre Geschichte vorzeitig zu beenden.
"Während ich mich mit dem Spiel beruhigte, bemerkte ich kaum, das hinter mir ein Mann stand, der leise ein Kinderlied sang, eines dass ich noch nie vorher gehört hatte.
'Wohin du kleines armes Kind,
geh zur Mutter schnell nach Haus
bevor dich jemand Böses find't
und deine Kindheit, die ist aus.'
Trotz des bedrohlichen Textes fürchtete ich mich nicht, denn die Stimme des Mannes war so warm und dunkel eine Stimme nur sein konnte, die Stimme eines gütigen, starken Vaters, den ich nie hatte.
'Schau kleine Emma, ich habe dir etwas mitgebracht'
Hypnotisiert von der Stimme des unheimlichen Fremden, der sich nun neben mich auf ein kleines Mäuerchen setzte, vergaß ich meine Scheu gegenüber Unbekannten und ließ mich vom durchdringenden Blick des Mannes fesseln. In seiner Hand hielt er dieses wunderschöne Kästchen.
'Das ist für deine unzähligen Steine, mein Kind. Schau, dein Rock hat so viele Löcher, du wirst sie noch alle irgendwann verlieren, wenn du sie nicht hineintust.'
Gebannt starrte ich das wundervolle Kästchen an, und der Fremde drückte es mir in meine schmutzigen kleinen Kinderhände. Trotz des wenigen Lichtes der hereinbrechenden mondlosen Nacht funkelte das Kästchen und blitzte, das schwarze Holz stach in beinahe absurder Weise von meinen schmutzigen Händen ab, mit denen ich nun, ohne mich zu fragen, warum ich das eigentlich tat, die Kieselsteine einzeln aus meiner Rocktasche pickte und vorsichtig in das Kästchen legte, das innen mit tiefrotem Samt ausgelegt war.
'So ist gut Emma, du bist so ein schönes Kind. Wie wundervoll es wohl wäre, für immer ein Kind sein zu dürfen'
Und während er das sagte, packte er mit seiner eiskalten Hand, die so im Gegensatz stand zu seiner warmen Stimme, in meinen blonden Haarschopf und riss meinen Kopf brutal nach hinten, sodass mein schmutziger Hals frei wurde. So hielt er mich in seinen Fängen, und ob seiner unnatürlichen Kraft war ich nicht in der Lage, mich nur einen Zentimeter zu bewegen. Alles was ich tat war, den Mann aus weitgeöffneten, vor Angst starrenden Augen zum ersten Mal anzublicken und sein uraltes Gesicht zu sehen, bevor alles um mich herum schwarz wie der Tod wurde und ich lange Zeit in den Schwingen des Schlafes versank.
Ich wachte auf in einem Raum voller lebloser Puppen, Schaukelpferde und anderer Spielzeuge. Alles war voller Sachen und alles schien mich anzustarren. Aus feindseligen, stierenden Augen blickten die Puppen auf mich, die ich zum ersten Mal in meinem Leben in einem Bett und nicht auf einem Strohsack erwachte. Doch das war kein schönes Erwachen. Den zu den Blicken der Puppen gesellte sich der Blick des uralten Mannes, der nun plötzlich im Raum stand.
'Habe keine Angst, bald wirst du all das zu schätzen wissen. Du wirst nun ewig ein Kind sein, niemals alt werden, niemals verwelken, so wie ich. Ich habe dir die ewige Kindheit geschenkt, und bald wird die Zeit kommen, in der du mir sehr dankbar dafür sein wirst. Sieh mich an, ich bin alt und schwach für die Ewigkeit. Dazu verdammt, niemals wieder jung zu sein. Aber ich werde dein Meister sein und du wirst bei mir leben und mir die Jugend zurückgeben, indem du mein Haus und die Gemeinschaft der Alten mit deiner Kindheit erfüllst.'
Ich verstand nicht, was er da sagte, aber seine Worte blieben mir immer im Gedächtnis, bis sie auch in mein Bewusstsein drangen und meinen Hass auf meinen Meister im Lauf der Jahrzehnte nährten.
...und deine Kindheit, die ist aus...
Emile, mein Meister, hatte mich unsterblich gemacht. Auch er war unsterblich, aber er war schon alt, und sein Alter führte ihm immer mehr vor Augen, wie freudlos und leblos sein Dasein war. Er war verdammt, die Unendlichkeit als alter Mann zu verbringen, also verdammte er mich zur ewigen Kindheit sperrte mich in seinem Haus ein, um sich, und die anderen Alten aus seinem Zirkel, an mir zu erfreuen. Man überschüttete mich mit pompösen Kleidern, kitschigen Haarschleifen, puderte mich, bis ich selbst aussah, wie die toten Puppen, die sich in immer größerer Zahl in meinem Zimmer fanden. Mit Porzellangesichtern und roten Mündern wurden sie mir mit ihren adretten Kleidern immer mehr verhasst. Ich war mit ihnen eingesperrt, bewegte mich wie ein wildes, verletztes Tier in meinem Käfig und erstickte an meiner Sehnsucht nach dem Draußen, nach der Unbequemlichkeit, im Staub zu sitzen und an meinem eigenen, ewig kindlichen Körper. Denn er blieb immer gleich - der Körper eines 8-Jährigen Mädchens, doch das bewahrte meinen Geist nicht davor zu wachsen. Es fühlte sich an, als müsste ich meinen Körper sprengen, als wäre das alles zu eng für mich. Ich merkte, dass Emile mir nicht wirklich die ewige Kindheit gegeben hatte, nein, er hatte sie mir geraubt. Alles was mir blieb, waren meine Kiesel und meine Verzweiflung, die immer mehr in den Hass gegen alles Kindliche umschlug. Doch Emiles Geduld mit mir schien grenzenlos, ganz egal wie viel seines Spielzeug ich zerstörte, er ersetzte es durch neues und brachte mir Nahrung - frisches Blut von Tieren. Doch mit meinem Hass wuchs meine Kraft und mein Drang nach Freiheit. 27 Jahre nachdem Emile mein menschliches Leben beendet hatte, machte ich mich los."
Du hörst, wie Emmas Stimme zu zittern beginnt und unmerklich eine Träne von ihrer Wange hinabrollt. Während du fasziniert den kleinen Strom aus Wasser beobachtest, der eine Spur sauberer Haut hinterlässt, spricht sie, wenn auch mit unsicherer Stimme, weiter.
"Wenige Jahre zuvor hatte eine Choleraepidemie viele Menschen in der Stadt hinweggerafft, diesmal sollte ich der Todesengel sein. Angetrieben von rasender Wut und dem Durst nach Leben raffte ich Mensch nach Mensch dahin. Besonders Kinder fielen mir zum Opfer und die Befriedigung, die mein kaltes Herz durchfuhr, wenn ich einem dieser kleinen Leben den letzten Atemzug nahm, war wie Öl in ein Feuer gegossen, das immer mehr verlangte, um am brennen zu bleiben und zu wachsen. Ich wollte, dass sie ihre Kindheit aushauchen, so wie auch mir meine Kindheit genommen wurde. Ich bot ihnen an, mit meinen Steinen zu spielen, und sie wiegten sich in spielender Glückseligkeit, bevor ich ihnen ein jähes Ende bescherte. Ich drehte ihre kleinen Köpfe und durchbiss ihre Hälse, saugte an ihrem warmen Lebenssaft, bis sie das letzte Zucken von sich gaben und verendeten. Jedem von ihnen legte ich einen meiner Kiesel in die toten Händchen, als Erinnerung daran, dass dieses Spiel ein tödliches war."
"2 Jahre vergingen, ich trieb mein blutiges Spiel nicht nur in Paris sondern zog weiter,als ich zum ersten Mal wie Schrecken empfand. Ich hatte gerade einen Jungen getötet, einen wirklich schönen Jungen mit rötlichem, dichten Haarschopf und wunderbar braunen Augen. Er zog mich an und ich wollte ihm sein friedliches Lächeln nehmen, doch ich schaffte es nicht. Aus diesem Zorn heraus tötete ich ihn, wühlte mich mit barer Grausamkeit in seinen Hals, bis fast nichts mehr davon übrig war, doch als ich mein Opfer ansah, lag immer noch das engelsgleiche Lächeln auf den schmalen, blassen Lippen. Mit einer Mischung aus gekränktem Stolz und Trotzigkeit holte ich einen meiner Kiesel aus dem Kästchen, das immer leerer wurde, um seine Hand zu öffnen und einen Stein hineinzulegen. Doch, erschrocken entdeckte ich, dass seine Faust fest um einen Kreisel geschlossen war. Ein Kreisel aus rotem Blech, an manchen Stellen fehlte schon ein Stück der Farbe, aber sieh selbst."
Gebannt starrst du auf den roten Kreisel, Zeichen unbeschwerter Kindheit und gleichzeitig kalter Grausamkeit.
"Ich begann wieder zu begreifen, welches Geschenk die Kindheit sein konnte, doch solange die Wut in meinem Inneren noch nicht erloschen war, konnte ich nicht anders als weiter Kindheit aus den kleinen Leibern zu saugen. Doch ich tötete nicht mehr blind, in mir wuchs die Abscheu gegen mich selbst, dass ich das tötete, was ich am meisten vermisste. Ich begann mich zu fragen, wie ich das tun konnte, wie ich diese wundervollen kleinen Existenzen mit den klaren großen, vertrauensgefüllten Augen einfach so hinwegraffen konnte. Also begann ich, hin- und hergerissen aufgrund meiner eigenen verhassten Grausamkeit, die Kindheit derer, die ich getötet hatte, zu bewahren, indem ich jedem meiner neuen Opfer ein Symbol ihrer Kindheit abnahm und ihnen weiterhin meine Kiesel hinterließ. Und mit der Zeit nahm die Anzahl der Kiesel in meiner Schatulle ab und die der unbezahlbaren Kindheitsschätze zu."
Wieder öffnet Emma das Kästchen und du kannst einen langen Blick hineinwerfen. In dem Kästchen befindet sich ein kunterbuntes Sammelsurium an Erinnerungen, ja an Kindheit selbst, wie sie einmal gewesen sein musste, bevor die Stadt so riesig wurde, und dennoch kein Platz für die Kinder mehr war. Du hast all diese Sachen schon einmal in alten Büchern oder Filmen gesehen und dich beschleicht eine Ahnung, wie wunderbar und unbeschwert es gewesen sein muss, mit ihnen zu spielen und darüber die Zeit zu vergessen.
Ein altes, schon halb verrostetes Blechauto, ein Dominostein, mit 3 Punkten auf der einen Seite und 5 auf der anderen, aus welchem Spiel mochte er wohl stammen, hatte er seinem ehemaligen Besitzer einmal zum Gewinn eines Spiels verholfen? Genauso wie vielleicht die schon geknickte und gelb gewordene Spielkarte mit der wissend schauenden Herzdame darauf?
Und wer waren die Menschen auf der Schwarzweißfotographie, die da in die Kamera schauten, herausgeputzt mit weißen Kragen und vor der Kulisse eines Parks mit Bäumen? Wie lange muss das bloß her gewesen sein, diese Zeit, in der es noch richtige Bäume und Parks gab?
Versunken in Gedanken über all die faszinierenden kleinen Gegenstände, die du in dem Kästchen entdecken konntest, schreckst du fast auf, als Emma weiter erzählt.
"Aber als die Zeit dahinfloss wurden die Kinder immer weniger und das Lachen in den Straßen verstummte immer mehr, und es wurde schwieriger für mich, meine "Opfer" zu finden. Dazu kam, dass die Kinder, die es noch gab, nichts mehr von der kindlichen Lebensfreude zu haben schienen, die Kindern sonst inne war. Und mit der Kraft der Kindheit spürte ich auch meine Kraft schwinden. Das Blut der Tiere hielt mich zwar am Existieren, aber ein wirkliches Leben war das nicht mehr. Es war sehr schwer, den Kindern, die ich mit größter Mühe zum Spiel mit den Steinchen verführte, ein seliges Kinderlächeln zu entlocken und die wenigen Male, die mir das gelang, wagte ich es oft nicht, dieses seltene Geschöpf hinwegzuraffen. Die Kindheit, das unbeschwerte Spiel war zu kostbar geworden und ich fühlte mich nicht würdig, sie vollends zu zerstören. So vergingen viele Jahrzehnte, während die Welt immer mehr zerfiel und die Kindheit schwand. Oder sollte ich sagen, während die Kindheit schwand und die Welt immer mehr zerfiel?"
Emma hält inne und du betrachtest den Kieselstein. Hatte Emma nicht gesagt, es wäre der einzige, der noch übrig ist? Wie sollte es nun mit ihr weitergehen?
"Die Welt ist kein Ort mehr für Kinder, aber ich fürchte, wenn die Kinder weg sind, wird auch die Welt nicht mehr sein. Ich bin 3 Monate lang durch die Stadt gelaufen und habe kein Kind mehr gesehen. Aber ich glaube das meine Suche hier ein Ende hat. Doch noch erfüllt mich die Angst, die Angst davor, was passiert, wenn ich die letzte kindliche Seele auslöschen werde, wenn mein letzter Kieselstein in der leblosen Hand eines Menschen liegen wird, der noch das Spielerische in sich trägt. Was wird passieren, wenn es nur noch die Trostlosigkeit gibt?"
Aus großen, traurigen Augen schaut Emma dich an und nimmt deine Hand, in der du den Kiesel umschlossen hälst. Das letzte, was du hörst bevor du in einen tiefen traumlosen Schlaf fällst sind Emmas verzweifelte Worte: "Ich hoffe, du wachst in einer besseren Welt wieder auf."
DAS ENDE (oder erst der Anfang)
Als Emma den Laden betrat war die Sonne gerade am Horizont verschwunden und die letzten Lichtstrahlen tauchten den Himmel in strahlendes Orange und blutiges Rot. Der Schneider war im Begriff den Schlüssel zu ergreifen und sein Geschäft abzuschließen, da kam das kleine Mädchen herein. Zuerst dachte er, es sei ein Kind, das sich auf dem Nachhauseweg verirrt hatte, doch sofort wurde ihm klar, dass das auf keinen Fall stimmen konnte.
Wie lange war es her, dass ein Kind selbst seinen Laden betreten hatte? Zehn Jahre? Zwanzig? Er wusste es nicht genau, aber es war sehr lange her. Überhaupt sah man nur noch sehr selten Kinder. Die meisten von ihnen waren erwachsen geworden und die wenigen, die später geboren wurden, verließen ihre wohlbehüteten Heimstätten nicht mehr. Die Welt war alt geworden.
Umso mehr erweckte dieses Mädchen seine Aufmerksamkeit. Wo mochte sie herkommen? Sie schien nicht das Gespräch mit ihm zu suchen, sondern widmete ihre Aufmerksamkeit den Regalen mit Stoffen und Schneiderutensilien und den Puppen, auf denen allerhand unfertige Kleidungsstücke aufgespannt waren. Handwerke wie dieses waren selten geworden, aber in kleinen Nischen überlebten sie die ungeheure Ausdehnung der Fabriken und riefen bei allen Betrachtern Staunen und Verwunderung hervor.
Der Schneider gab seiner Neugier nach und trat auf das geheimnisvolle Kind zu, das seine kleinen Hände über die Oberflächen der verschiedenartigen Stoffe gleiten ließ und die Eindrücke in sich aufzusaugen schien.
„Gefallen die dir?“, fragte der Schneider freundlich und nahm einen Ballen vom Regal, damit das kleine Wesen ihn besser begutachten konnte.
„Sie sind…schön“, ertönte die leise, erwachsen klingende Stimme des Mädchens. „Es gibt nicht mehr viele schöne Dinge in dieser Stadt.“ Sie wandte den Blick nicht von den Stoffen ab und schien den ältlichen Mann neben sich gar nicht wahrzunehmen, der sie nachdenklich und ernst ansah.
„Hast du denn keine Spielsachen? Keine Freunde, mit denen du spielen kannst?“
Es kam keine Antwort. Der Blick des Kindes blieb weiter verträumt und abwesend. Doch plötzlich und unvermittelt blickte es den Schneider mit großen und leeren Augen an.
„Es gibt weder Spielzeug hier noch Kinder, die es benutzen könnten. Ich bin ganz allein…“
Mit diesen traurigen Worten wandte Emma den Blick wieder ab und begann damit, zwischen den Kleiderständern auf und ab zu schreiten.
Der Schneider folgte diesem Spiel eine Weile mit dem Blick, bis er seinen Entschluss fasste.
„Wenn du nicht weißt, wo du hingehen sollst mein Mädchen, dann bleib ein bisschen hier. Draußen ist es kalt und ich habe noch Arbeit, du kannst mir gern Gesellschaft leisten.“
Auf seine Worte hin meinte er ein kleines Aufleuchten in den fremden Augen zu sehen, sicher war er sich allerdings nicht. Eine andere sichtbare Reaktion blieb ebenfalls aus und so begann er damit, die Überbleibsel seines Tageswerkes wegzuräumen und Dinge in verschiedene Bücher einzutragen, während der seltsame Gast nur weiter im Raum umher ging und mal hier, mal dort stehen blieb, um etwas genauer zu begutachten.
Schließlich sagte Emma: „Was du tust, ist gut. Es ist alt. Du brauchst keine riesigen Maschinen, hast sie nie gebraucht, um zu leben. Ich wünschte es gäbe mehr wie dich. Ich wünschte ich könnte wie du sein. Wie du überleben.“ Dabei verzog sie keine Miene und setzte nur einfach ihre seltsame Inspektion fort.
Verwundert meinte der Schneider nur: „Nun… du kannst es lernen, wenn du möchtest. Ich werde es dir zeigen.“ In ihm war eine Idee aufgeblüht und er brannte darauf, sie umzusetzen.
„Komm mal hier her zu mir, ich werde dir etwas erklären.“
Nun verbrachten die beiden eine lange Zeit damit, auf dem kleinen Sofa im Laden zu sitzen und über allerhand Dinge zu sprechen, die mit dem Schneiderhandwerk zusammen hingen. Irgendwann stand der Ältere auf und zeigte dem Mädchen verschiedene Stoffe und Kleidungsstücke, während ihre Augen immer mehr zu leuchten begannen und sie aufmerksam zuhörte. Sie zeigte auf dies und jenes, was ihr gezeigt wurde und schließlich türmte sich auf dem großen Tisch in der Mitte des Raums einiges an Textilien auf.
Emma selbst bezog auf einem kleinen Podest Stellung, während der Schneider mit einem antiquierten Maßband ihre Maße nahm.
„Das wird toll, glaub mir…“, nuschelte er, während er etwas notierte. Emma sah ihm interessiert zu und war von seinem Feuereifer begeistert, auch wenn die ungewohnte Lebendigkeit sie verwirrte.
„So fertig. Wenn du magst, kannst du jetzt gehen, aber komm bald wieder, es wird schnell fertig sein.“ Der Schneider legte sein Maßband und den Bleistift weg und begann in seinen Zeichenutensilien zu stöbern. Emma schien er völlig vergessen zu haben und so verließ sie das Geschäft.
An den folgenden Abenden passierte sie das Geschäft häufig, allerdings wollte sie es nie betreten, denn stets waren irgendwelche Fremden darin, die die Zeit ihres neuen „Freundes“ in Anspruch nahmen.
Irgendwann hatte sie jedoch Glück und sie wurde mit einem herzlichen Lächeln empfangen.
„Ich dachte schon du kämest gar nicht wieder oder wärest nur Einbildung. Schön, dass du zurück bist! Komm, ich zeige dir etwas…“ Der Schneider eilte um seine Theke herum und nahm aus einem der vielen Regale ein in Seidenpapier gewickeltes Bündel, das er seinem kleinen Gast reichte.
„Das ist für dich.“
Neugierig machte Emma es auf und traute kaum ihren Augen, als ein wunderbar weiches, anschmiegsames grünes Samtcape daraus hervor kam. Sie legte es sich vorsichtig um und begutachtete sich in einem der vielen Spiegel.
„Das ist wunderschön, aber… ich habe kein Geld euch zu bezahlen, mein Herr“.
Ihre leise Äußerung quittierte der Schneider mit einem amüsierten Lächeln.
„Einem reizenden Mädchen wie dir mache ich es gern zum Geschenk. Aber nur, wenn du versprichst, mich in Zukunft öfter zu besuchen“, sagte er und sein Lächeln wurde breiter.
„In Anwesenheit von Kindern, selbst so stillen wie dir, fühlt man sich sofort um Jahrzehnte jünger.“
Nun war es an Emma zu lachen.
Wie es ihr schon fast zur Gewohnheit geworden war, kam sie von nun an oft hierher, um Zeit im Atelier des freundlichen alten Mannes zu verbringen, ihn bei der Arbeit zu beobachten, ein Wort mit ihm zu wechseln oder sogar, unter seiner Aufsicht, selbst eine Kleinigkeit zu schneidern. Mit der Zeit entwickelte sich eine tiefere Freundschaft zwischen dem ungewöhnlichen Paar und Emma wagte es, ihm das Geheimnis ihrer Herkunft anzuvertrauen, so verzweifelt und einsam war sie. Der Schneider nahm sie trotz allem gern als seine Tochter auf, auch wenn sie noch oft wochenlang umherzog auf der Suche nach ihresgleichen. Anderen Kindern, anderen Vampiren. Niemals wurde sie fündig, doch immer beschütze sie ihr ungewöhnliches Cape vor Kälte, Schmutz und Einsamkeit.
An einem Abend meinte sie eine Hand zu sehen, die aus einer Tür heraus ein Paar Kinderschuhe ergriff und herein holte, ehe die Tür geschlossen wurde.
Es passierte eigentlich nichts, aber in Emma bewegte dieser Anblick etwas. Sie gab die Hoffnung nicht auf.
Sie würde Mut haben, die Reise wagen und die anderen finden, das schwor sie sich.