Wer hätte gedacht, dass einmal die ganze Welt wissen will wie ich gelebt habe?
Gegenüber von mir sitzt eine junge Dame, ambitioniert, gut gekleidet, hübsch. Sie versucht ihre Nervosität zu verbergen, aber ich kann es an ihren Augen sehen. Sie hat eines Tages bei meinem Agenten angerufen und wollte ein Interview. Sie wollen meine Lebensgeschichte herausbringen. Ungeschönt, klar, brutal, so wie sie in Wirklichkeit war. Dabei ist das gar nicht möglich, weil ich selbst nicht mehr alles weiß. Mein Leben war zu turbulent um mich an alles erinnern zu können.
"Sind sie bereit" fragt mich die Dame mit dem Tonbandgerät und ich nicke. Ich bereite mich darauf vor alles aus mir rauszulassen was ich jemals erlebt habe. Dinge die ich nur mehr aus Erzählungen weiß und die Dinge an die ich mich erinnern kann.
"Ich bin keine gute Geschichtenerzählerin, besonders, weil mein Leben wohl am wenigsten einer Geschichte ähnelt als mehr einem Kabarett.
Mein Name ist Amelie Rigot. Ich wurde 21. Februar 1921 in Paris geboren. Ich kann mich nicht mehr an viel aus der Zeit erinnern, aber ich kann mich daran erinnern, was mir meine Großmutter erzählt hat.
Meine Mutter war Akrobatin. Sie liebte die Manege und das Rampenlicht. Ich war wohl ein Unfall, denn ich behinderte sie bei ihrer Karriere. Mein Vater war bei der Armee. Ich habe ihn nie gesehen und auch nie kennenlernen dürfen. Sie hat ihn nach meiner Geburt sofort verlassen.
Mit 3 Jahren kam ich dann zu meiner Großmutter. Meine Mutter hatte eine Liason mit einem Schausteller einer Varietégruppe und hatte keine Verwendung mehr für mich. Großmutter war eine große, stämmige und furchteinflößende Frau. Sie hatte außerdem ein Glasauge und immer einen Stock in der Hand, mit dem sie jederzeit uns Kindern auf die Finger schlagen konnte.
UNS? Oja, meine Großmutter leitete ein Waisenhaus mitten in Paris. Sie bekam Geld von der Stadt für die Waisenkinder die sie hier aufnahm. Sie jammerte immer es wäre viel zu wenig, aber es schien genug zu sein um davon zu leben. Wenn die Kinder alt genug waren wurden sie dann an Betriebe oder Fabriken verkauft um dort ihr Leben lang zu arbeiten. Selten wollte eine Familie ein Kind adoptieren. Die die keine bekommen konnten und das Geld hatten waren rar gesäht.
Manchmal waren wir viele Kinder und manchmal wenige. Aber Platz war immer nur gleich viel. Egal ob wir zu hunderten waren oder zu zwanzigst, es gab nie mehr Betten, nie mehr Platz.
Ich weiß es bis heute nicht genau, aber für meine Großmutter war ich nur ein Kind. Ihr Lebtag hatte sie dieses Waisenhaus. Kein Kind war für sie mehr wert als das andere, was gut war für die Kinder, denn egal ob ihnen beide Arme fehlten oder sie groß und stark waren, sie waren in ihren Augen nur eine Einnahmequelle. So auch ich.
Sie verdiente nicht an mir, allerdings kümmerte sie sich auch nicht mehr deswegen. Für sie war ich ein Waisenkind. Und so schlief ich bei den Waisenkinder. Aß mit den Waisenkindern und lebte wie ein Waisenkind.
Eigentlich gab es nur Großmutter. Sie hatte sich im Alter eine Köchin und eine Haushaltshilfe eingestellt, was zu dieser Zeit schon ein großer Luxus war, aber sie war alt, sie brauchte diese Hilfe.
Ich kann mich nur mehr dunkel an die Köchin erinnern, die uns ab und zu mal ein Stück kandierte Frucht gab, wenn wir besonders traurig aussahen. Aber an Geneviève kann ich mich gut erinnern. Täglich, Stundenlang saß ich neben ihr im Waschkeller und sah ihr zu wie sie unsere Blusen, Hosen und Windeln wusch. Aber mehr noch als ich ihr zusah, hörte ich ihr zu.
Und jedesmal wenn ich meine Auge schließe kann ich sie hören. Durch all den Lärm der Stadt, der immer lauter wird. Durch den Applaus und den Beifall all dieser Jahre kann ich sie immer noch hören und ich kann sie sehen. Sie steht an einer alten Bottich-Waschmaschine und schrubbt Flecken aus unseren Kleidern und sie singt. Amerikanische Musik. Blues wie ihn zu der Zeit Bessie Smith gesungen hat. Sie hatte keine Stimme wie sie, aber das wusste ich damals noch nicht.
Sie sang alles. Jazz, Bluse, aber auch Chanson. Ich liebte ihre Stimme. Ich saß jeden Tag in der Nähe der Kellertür und wartete auf sie. Nicht immer am gleichen Platz, Großmutter mochte es nicht, wenn man in ihrem Blickfeld saß oder stand. Aber wenn Geneviève auf dem Weg war um Windeln zu waschen, war ich auch da. Sie genoß es und wir wurden Freunde. Sie sorgte für mich und brachte mir lesen bei, wenn sie Zeit entbähren konnte.
Ich weiß nicht mehr wann. Noch welcher Tag. Ich muss ungefähr 10 Jahre alt gewesen sein. Aber an diesem einen Tag stand auf einmal meine Mutter vor der Tür und wollte mich wieder haben. Der Abschied war bitter. Geneviève weinte entsetzlich und ich schrie und weinte genauso wie sie.
Warum mich meine Mutter zurückhaben wollte? Ich weiß es nicht. Vielleicht der Wunsch eine idylische Familie zu haben. Der Wunsch nach einer Konstante im Leben? Ich bin Sängerin, ich weiß wie man sich fühlt wenn man nicht weiß wo man wohnt und nicht weiß wo man hingehört. Aber sie hatte sich in den 7 jahren in denen ich im Waisenhaus war einem Wanderzirkus angeschlossen, sie musste es noch viel weniger wissen. Wahrscheinlich hatte sie gehofft ich würde sie befreien.
Aber ich verlor meine Stimme. Ich redete nicht. Ich wollte nicht. Ich konnte nicht. Kein Wort hätte ausdrücken können welchen Schmerz ich aufgrund der Trennung von Geneviève empfand. Sie war meine Schwester gewesen, meine Mutter, meine Freundin. Ich liebte sie.
Ich kümmerte mich um die Pferde. Ich brachte ihnen Wasser und striegelte sie. Ich rieb ihr Fell mit Heu ab, wenn sie naßgeschwitzt aus der Manege kamen nach ihrem Auftritt und ich brachte ihnen Futter. Ich mistete aus.
Wir waren in einer neuen Stadt angekommen und die erste Abendvorstellung war immer sehr gut besucht. Zirkusse waren beliebt zu dieser Zeit, sie waren nicht teuer und brachten den Menschen Abwechslung und visuellen Reiz, Fernseher hatte damals niemand.
Mitten in dem Auftritt meiner Mutter, scheute das Pferd. Wahrscheinlich das Blitzlicht eines Fotoapparates. Ich lief in die Manege um es zu beruhigen, während 2 der Clowns meine Mutter hinaustrugen. Es war das Ende ihrer Karriere. Nach ihrem Knöchelbruch war sie nie wieder die Alte, stieg nie wieder auf ein Pferd.
Da stand ich nun, in der Manege beruhigte das Pferd. Mein Stiefvater kam herein, nahm die Zügel und schrie: "La petit Amelie!" Er flüsterte mir etwas ins Ohr an das ich mich nicht mehr erinnern kann, aber es war wohl etwas, dass mich annehmen ließ ich wäre alleine an dem Unfall schuld und müsse die Zeit überbrücken, bis die Flugakrobaten fertig waren und das Netz gespannt.
Ich kann mich nicht mehr erinnern was ich dachte, aber an das Gefühl. Ich stand inmitten einer Menge Menschen und mein Herz flatterte wie ein kleiner Vogel. Ich schloß die Augen und wünschte mir weit weg zu sein. Bei Geneviève in dem Waschkeller und ihrer Stimme zu lauschen. Ich spürte die Melodie in mir hochsteigen.
Es wurde still und ich traute mich die Augen zu öffnen, weil ich dachte es wären wohl schon alle nach Hause gegangen, aber nein. Da saßen sie. Und an dieses Augenblick erinnere ich mich als wäre es gestern gewesen. Sie saßen da und starrten mich an. Männer wie Frauen, Mädchen wie Buben. Manche mit offenen Mündern, manche mit großen Augen. Sie saßen da und starrten mich an und erst da merkte ich, dass ich sang. Es floß aus mir heraus als hätte ich nie was anderes gemacht. Die Scheinwerfer wärmten meine Haut und Geneviève's Lied wärmte meine Seele. Ich hörte ihre Stimme über meiner. Ich nahm den Geruch von Veilchen wahr unter all dem Waschmittel und Chlorgestank. Ich spürte ihre Arme um meinen Schulter.
Am Ende des Liedes stand ich inmitten des Scheinwerferlichts mit gehobenen Armen und verbeugte mich. Ich verließ das Zelt gefolgt von aller Augen und blickte mich nicht um.
Ich wurde der Star des Zirkus. Ich trat jeden Abend auf und den Abend darauf und den Abend darauf. 5 Jahre lang. Der Zirkus wurde immer besser besucht und mein Stiefvater besaß immer mehr Geld. Sie zogen mir Kostüme an und ließen mich singen während ich auf einem Pferd ritt. Nichts war ihm zu anstrengend, wenn ich aus den Besuchern nur noch mehr Geld rausholen konnte.
Ich war eine Attraktion, keine Sängerin.
Ich sang alles. Vom französischen Kinderlied bis zur italienschen Oper.
Geld machte meine Mutter Größenwahnsinnig und aus meinem Stiefvater einen Alkoholiker.
7 Jahre, sollen es 6 Monate mehr oder weniger gewesen sein. Hatte ich jeden Tag einen Auftritt. Wenn der Zirkus nicht geöffnet hatte, dann sang ich auf der Straße, um Alkoholismus oder Luxuswahn zu finanzieren.
Ich trug eines Abends ein Kleid bei der Vorstellung. Es war ein Flapperdress, wie man es aus den alten Filmen kennt. Es war kurz und hatte Fransen und Pailetten überall. Ich brachte meinen Auftritt hinter mich und ging dann noch schnell die Pferde absatteln und füttern.
Ich ließ mir Zeit, denn das einzige was mich in meinem "zu Hause" erwartete war ein betrunkener Stiefvater. Ich hoffte er würde eingeschlafen sein bevor ich zurückkam, allerdings hatten wir ziemlich viel eingenommen diesen Abend und er war noch wach um Geld zu zählen, als ich die Treppen des Caravan's hinaufstieg.
Ich habe versucht zu verdrängen was an diesem Abend geschah und was ich nicht verdrängen konnte habe ich versucht zu vergessen. Mein Kleid muss wohl sehr kurz gewesen sein. Er hatte schon öfter versucht mich unsittlich zu berühren, aber dieses mal war er wohl betrunkener als sonst.
Nach einer wilden Rangelei, schaffte ich es mir Geld vom Tisch zu nehmen und in die Nacht zu verschwinden. Ich sah den Zirkus nie wieder.
Ich sang auf der Straße. Ich war ein Mädchen in einem Flapperdress. Manchmal nahmen sich mir Leute an und spendierten mir eine Suppe oder einen Tee, aber die meisten gaben mir Geld.
Polizisten mochten mich oder ignorierten mich und Menschen waren zu der Zeit nicht knausrig. den Menschen ging es gut.
Ich konnte mir eine kleine Wohnung leisten in der Innenstadt. Sie hatte keinen Luxus. Kein fließendes Wasser und keinen Strom. Aber ich hatte ein Dach über dem Kopf. Das singen auf der Straße war rentabel und ich schaffte es mich ein Jahr lang durchzubeißen.
Mit der Zeit wurden die Kontrollen strenger und die Polizisten verjagten mich oft von meinen Lieblingsplätzen. Sie fragten nach meinem Alter, nach Papieren oder nach einem bestimmten Song. Es war immer eine Frage des Glücks, manchmal musste ich schneller laufen können als meine Bein mich trugen, an anderen Tagen musste ich einfach nur eine gute Version von Frank Sinatra singen um davon zu kommen.
An einem Tag hatte ich besonders Pech oder Glück, wie man es sehen mag. Ein Polizist hatte mich erwischt und wollte mich aufs Revier mitnehmen und mir sogar eine Geldbuße aufbrummen. Ich schrie, wehrte mich und erregte so wohl die Aufmerksamkeit von einem Mann mittleren Alters. Ich weiß nicht ob er vorher schon aufmerksam war oder einfach nur vorbeikam, aber was ich weiß ist, dass er an diesem Tag meine Kaution auslegte.
Er gab mir eine Karte von sich. Er sagte, er hat ein Cafe und würde ein Vorsingen veranstalten. Ich wäre eingeladen.
Dies war der Beginn meiner Karriere. Amelie Rigot, so wie sie hier sitzt, würde es sonst nicht geben."