Mein Name lautet Juliette Mary Eleanor Claire Lady of Aviemore, aber, nun ja, Mary ist mir eigentlich viel lieber. Das ist so schön kurz und man kann es auch mal rufen, ohne sich gleich die Zunge zu brechen. Und diese ganze Förmlichkeit dabei, nein, das muss nun wirklich nicht sein. Ich meine, meine Eltern kümmern sich da eh schon viel zu sehr drum. Ja, meine Eltern. Ich wurde als erstes Kind meiner Eltern, Baron und Baroness of Aviemore, an einem sonnigen Tag im April des Jahres 1846 geboren. Mittlerweile habe ich drei kleinere Brüder und eine Schwester. Aber dennoch, obwohl ein Erbe gefunden ist, muss ich mich als die älteste immer noch am besten benehmen. Ja, Adel verpflichtet, meint meine Mutter dazu immer. Dabei möchte ich gar nicht adelig sein. Als Kind wollte ich viel mehr hinaus, in die Natur, und mit den anderen Kindern, die in meiner Umgebung so lebten, spielen, und Abenteuer erleben. Draußen war so viel los! Da konnte man so viele Sachen entdecken, Tiere und Pflanzen, und hinter jeder Ecke wartete etwas neues. Und ich musste daheim sitzen und lernen, wie man eine Teetasse richtig hält, was natürlich richtig nervte. Manchmal beneidete ich die anderen Kinder. Aber umgekehrt hatte ich so natürlich auch viele Privilegien. Ich musste meinen Eltern nicht irgendwie bei der Arbeit helfen, nein, die Haushälterin machte vieles für mich. Und wir wohnten in einem großen Haus, ja. Alles hat seine guten, und seine schlechten Seiten.
Mit 13 Jahren wurde ich von meinen Eltern auf ein Internat in London geschickt. Mein Vater wollte es anfangs nicht, weil das Schulgeld so hoch war, und so reich war meine Familie dann auch nicht. Aber meine Mutter war der festen Überzeugung, dass diese Schule für höhere Töchter genau das richtige für mich sei, und so wurde ich, kurz nach meinem 13. Geburtstag, aus der kindlichen Idylle abrupt herausgerissen und in ein völlig neues Leben gesteckt. Anfangs war alles neu, und fremd, und überaus streng. Ich vermisste meine Familie und meine Heimat.
Doch nach einiger Zeit empfand ich es nicht mehr so schlimm, sondern vielmehr befreiend. Ich lernte Jane kennen, und gemeinsam entdeckten wir die Großstadt.
Ja, Jane hat mir viel geholfen. Sie ist Tochter eines Industriellen, diese „Neureichen“, wie sie mein Vater immer nannte. Er wollte nichts mit diesen stupiden Menschen zu tun haben, die sich in die oberen Gesellschaftsschichten nur eingekauft hatten, aber keinerlei Stil besaßen. Und doch... so schlimm ist Jane gar nicht. Im Gegenteil sogar, sie ist jung und modern, hat Sinn für das Schöne und doch diese Entdeckungslust, diesen Enthusiasmus der Jugend. Gemeinsam frönten wir in unserer wenigen freien Zeit den Genüssen, die die Großstadt für uns bereit hielt: Wir gingen einkaufen in den vielen kleinen und großen Geschäften, auch wenn unser Taschengeld nicht für alles reichte, was wir uns ersehnten. Wir picknickten im Park und unterhielten uns über Gott und die Welt – selbst über Dinge, über die sich sonst nur die Männer Gedanken machten. Und wir besuchten die Fabrik von Janes Vater und schauten uns die laut zischenden und klopfenden Maschinen an, die unterschiedlichste Bewegungen zur gleichen Zeit durchzuführen schienen. Faszinierend!
In der Nachbarschaft trafen wir einige junge Burschen, die auf der Straße herumlungerten. Viele von ihnen waren dreckig und schlecht angezogen, aber einen von ihnen war doch ganz nett: Er hieß Henry, sagte er mir, und eines Tages möchte er Erfinder werden, und auch solche Maschinen bauen, wie in den Fabriken. Ich habe ihn dann noch ein paar Mal getroffen, als ich Jane zu Hause besuchen gehen wollte, und einmal hat er mir gezeigt, was er schon alles tolles erfunden hat. Zum Beispiel gab es da ein paar Schuhe, die er mit Sprungfedern versehen hat, damit er so weit springen könnte wie Spring Heeled Jack. Aber sie waren wohl noch in der Versuchsphase, denn ein anderer der Jungens, Matt, hatte sich bei dem Versuch wohl erst einmal ein Bein gebrochen und lief seitdem mit einfach zusammengeschusterten Krücken durch die Gegend. Und dann gab es da noch diese Sparbüchse, die er mir einmal gezeigt hatte: Ein Kasten mit einer Kurbel daran, die man drehen musste, bis es nicht mehr ging, und wenn man dann eine Münze hineinwarf, so ertönte eine hübsche Melodie von verschiedenen Glöckchen. Ich glaube, er hat Talent, auch wenn er es immer damit vergeuden muss sich etwas Geld zusammenzubetteln, um ein paar Schrauben für seine neueste Erfindung kaufen zu können.
Ich hingegen war immer noch in diesem Internat, und meine Eltern hatten inzwischen eine Zukunft für mich auserkoren: Ich sollte, sobald ich mit der Schule fertig sein sollte, einen jungen Adeligen aus irgendwo in Wales heiraten. Das ziemt einer Dame wie mir. Meine Mutter hat mir diesbezüglich einen Brief geschrieben. Und, dass sie keine Widerrede zulässt. Dabei... Dabei möchte ich das gar nicht! Ich will nicht irgendwo in der Einöde versauern an der Seite eines Mannes, den ich gar nicht kenne!
Nein, ich möchte frei sein, wie ein Vogel! Ich möchte tun und lassen können, was ich möchte, und ich möchte selbst über mein Leben entscheiden. Ich möchte die Welt kennen lernen, neues entdecken und meine Jugend genießen! Das Leben genießen! Ich möchte ich sein!

Fortsetzung


...


Meine letzten Schulmonate verbrachte ich sehr nachdenklich und schottete mich immer mehr ab, da ich nicht wusste wie ich meiner beschlossenen Hochzeit mit dem Baron aus dem Weg gehen sollte. Jane versuchte mich zwar immer wieder zu ermuntern, aber selbst ihr gelang es nicht besonders gut.

Eines Abends im Juni schleppte sie mich dann doch aus dem Haus, da sie erfahren hatte, dass die Arbeiterjungs in Hinterhof feiern wollten und sie sich sicher war, dass dies die beste Ablenkung für mich wäre. Ich ging sehr skeptisch mit und konnte mich auch nicht wirklich gut amüsieren, während Jane wie wild mit den Jungen tanzte. Henry setzte sich schließlich neben mich und irgendwie tat es mir gut und ich erzählte ihm von meinen Sorgen und dem Gefühl eingesperrt zu sein. Frei wie ein Vogel zu sein, dass wäre mein Wunsch. Er versuchte mich zu trösten und erzählte, dass er auch er Träume hatte. So würde er gerne nach Amerika, weil er das Gefühl hatte dort vielleicht mit seinen Erfindungen glücklicher und bekannter zu werden. Doch die unsichere Lage dort, hielt ihn hier in London. Außerdem erzählte er mir, wie gerne er sich die Weltausstellung ansehen möchte, aber dass er es sich nicht leisten konnte, selbst wenn er den ganzen Sommer sparen würde.

Da mein Vater mir angeboten hatte, mir Eintrittkarten für Opern usw. zu spendieren, da es mein letzter Sommer in London sei, kam ich auf die Idee ihn nach zwei Karten für die Weltausstellung zu fragen und zusammen mit Henry hinzugehen.
Als mein Vater sein Ok gab (natürlich hatte ich ihm erzählt die zweite Karte sei für Jane und nicht für einen Arbeiterjungen) und ich die Karten hatte, besuchte ich Henry, um ihm mitzuteilen, dass ich mit ihm zusammen am Sonntag die Ausstellung besuchen würde. Natürlich war Henry überaus glücklich und fiel mir um den Hals, was mich erröten ließ.
Er erzählte mir, dass auch er ein Geschenk für mich hatte, ich folgte ihm in seine Erfinderhütte und sah einen kleinen Blechvogel unter einer einfach aus Netz und Draht nachgebildeten Krinoline. „Sieh dir den Vogel an, er ist unter diesem Stahlteil, der Krinoline gefangen, wie ihr reichen Mädchen auch. Doch hier hast du die Chance, Mary, befreie den Vogel, lass ihn fliegen und singen!“ Ich nahm das Netz mit Draht weg und den Vogel in die Hand, wenn man ein Blech-Teil drückte bewegte er die Flügel und zwitscherte. Eine wundervolle Erfindung, welche genau meine Gedankengänge getroffen hatte! Ich lächte Henry an, bedankte mich und küsste ihm die Wange, was nun ihn erröten ließ.

Am nächsten Tag suchte ich meine Schneiderin auf und ließ mir von ihr ein Kurzjäckchen nähen, und einen Rock, der ohne Krinoline wundervoll fallen sollte. Um diese Kombi mit einer Bluse zu tragen, würde ich vollkommen auf Korsett und Krinoline verzichten können.

Mit dieser Kleidung ging ich am Sonntag mit Henry in die Weltausstellung. Und von diesem Tag an habe ich niemals mehr Krinoline getragen...