Isabelles Mutter schreibt, kurz vor ihrem Tod im Frühling 2102, an ihre Schwester: „Mein Kind wurde in eine Welt geboren, in der alle Hoffnung verloren ist. Sicher, noch feiern sie unbekümmert ihre Feste im großen Saal, aber ich weiß es besser. Wir tun nichts weiter, als eine rissige Fassade aufrecht zu erhalten, die schon bald in die Brüche gehen wird. Die letzten Revolvermänner sind nur noch ein lächerlicher Schatten ihrer selbst. Egal wie sehr sie sich auch bemühen mögen, sie werden es doch nicht schaffen, dem Chaos Einhalt zu gebieten, das um sich greift wie ein Lauffeuer. Noch können sie es von unseren Ländern fern halten, aber wie lange mag ihnen das noch gelingen? Fünf Jahre? Vielleicht Zehn? Und für diesen längst verlorenen Kampf soll ich mein Kind opfern, meine kleine, unschuldige Tochter! Sie ist kaum auf der Welt, da will man sie mir schon wieder entreißen und eine Waffe aus ihr machen. Ihr eigener Vater! Und wofür?! Damit sie ebenso besessen wie aussichtslos dafür kämpft diese elende Ordnung zu retten, an die sich schon bald niemand mehr erinnern wird, geschweige denn, sich darum scheren… du wirst schon sehen, ich werde Recht behalten. Doch vorerst will ich mich nur darum bemühen, eine Dame aus ihr zu machen und keine verschrobene Revolverheldin. Dann kann unsere Familie wenigstens in Würde untergehen…“
7 Jahre später vertraut sich Isabelles Vater auf dem Sterbebett einem Freund an:
„Höre mich an, mein Freund… bis zum heutigen Tag war ich ein Revolvermann und ich habe alles dafür getan, dass meine Tochter mir nachfolgt. Mehr als das Gelingen unserer Sache wünsche ich mir, dass sie ihrer Bestimmung zugeführt wird und eines Tages mit verdientem Stolz diese Revolver trägt! Schwöre mir, dass du dich ihrer annimmst und dafür sorgst, dass ihre Ausbildung beendet wird. Treibe ihr diese Manieren aus und alles, was ihre Mutter ihr sonst noch eingepflanzt hat (ein echter Revolvermann näht nicht! *g*)! Sorge dafür, dass sie sich an das Angesicht ihrer Väter erinnert!“
Mit ihrer dekadenten, egoistischen Verhaltensweise ist die Menschheit geradewegs in ihren Untergang hinein geschlittert. Ob es nun eine Pandemie, eine Naturkatastrophe oder ein Atomkrieg war macht keinen Unterschied, denn sie haben ihre Strafe bekommen. Die meisten Mitglieder dieser Art sind im Jahre 2025 umgekommen und die übrig Gebliebenen haben versucht, sich mit dieser Situation zu arrangieren. Obschon die Zivilisation sich hartnäckig hielt, musste sie dennoch Stückchen für Stückchen vor ihren Kindern weichen: die niedergeknüppelte Natur gab sich leidenschaftlich der Aufgabe hin, ihren Vergewaltiger ihrerseits niederzustrecken, indem sie sich mit Sandstürmen und wucherndem Unkraut das Land zurück nahm, um das Gesetzlose und Plünderer schon allzu bald grausame Gefechte gegen die letzten Anhänger der alten Ordnung führten.
In dieses Gefecht wurde Isabelle geboren. In ihrer Kindheit fand sie noch ausreichend Trümmer der alten Welt vor, um Teil ihres verzweifelten Todeskampfes zu sein, der schon mehrere Generationen andauerte. Der Zerfall schritt langsam, aber unaufhaltsam voran und fraß sich wie ein ätzendes Gift zu den letzten Bastionen der Alten vor.
Isabelles Länder, in denen sich eine eigentümliche neue Hierarchie etabliert hatte (in der „Revolvermänner“ wie ihr Vater als Ritter, Bewahrer des Friedens und zuweilen Heerführer eine wichtige Rolle spielten) wurden am längsten verteidigt, und so konnte sich das Leben dort noch eine Weile von der großen Zerstörung erholen und neu entfalten. Es bildeten sich dort schon wieder Anklänge an die Vergangenheit heraus; es gab Regierende und Bürger, Volksfeste wurden wie seit Menschengedenken gefeiert, Ehen geschlossen, Freundschaften verraten, Hoffnungen geschürt und wieder verworfen. Trotzdem war es anders. Das technische Know-how war verloren gegangen, niemand erinnerte sich mehr genau daran, wie die komplizierten Maschinen funktionierten oder es fehlten die Möglichkeiten um zum Beispiel eine Raffinerie zu betreiben. Nur besonders robuste und auf einen einfachen Zweck ausgelegte Geräte konnten dem Zahn der Zeit widerstehen. Revolver wie die von Isabelles Vater stellten einen unvorstellbaren Schatz dar und ihre Träger waren geachtete und geschätzte Leute. Es war Brauch, die Waffen an die Söhne (oder in Ermangelung dessen an eine Tochter) weiterzugeben, die sich von klein auf einer harten Lehre unterziehen mussten. Schon in ihrer frühsten Kindheit stand für beide Elternteile fest, das Isabelle nicht den Weg gehen würde, den der jeweils andere für sie vorgesehen hatte, da ihre Mutter fest davon überzeugt war, dass die Welt den letzten Schritt zur Hölle auch noch tun würde, ihr Vater hingegen wehrte sich mit aller Macht dagegen und kämpfte für das, wofür schon Generationen vor ihm ihr Leben ließen. Man kann sich die Verwirrung dieses Kindes vorstellen, das so entschlossen in zwei entgegen gesetzte Richtungen gezerrt wurde. Es konnte zwar breit gefächertes Wissen aus allen Bereichen des Lebens anhäufen und einige erstaunliche Talente entfalten, und das in einer Zeit, da die meisten nur um ihr Überleben bangten, dennoch wurde Isabelle sich lange nicht über ihren endgültigen Weg klar und vielleicht begann ihr Geist schon damals böse und niederträchtig zu werden…
Nach dem Tod ihrer Mutter konnte ihr Vater endlich vollends die Erziehung in die Hand nehmen. Doch der Krieg zwischen den letzten Menschen tobte erbitterter als je zuvor und idyllisches Familienleben ist dem Mädchen ebenso fremd wie Rücksicht auf Verluste. Mit der Zeit schenke sie dem Drängen ihres Vaters mehr und mehr Gehör und wurde mit jeder Faser ihres Herzen der würdige Nachkomme eines großen Revolvermannes und sie wartete auf den Tag, da sie ihre schäbigen Lehrlingsrevolver gegen die ihres Vaters eintauschen würde, um damit gegen den Verfall ihrer Welt zu kämpfen. Sie ahnte nicht eine Minute, dass sie sie nicht zu diesem Zweck gebrauchen würde. Zwar war sie kalt und pragmatisch, aber sie stand hinter den Idealen, die man ihr beigebracht hatte.
Als aber der tag kam, an dem ihr letztes verbliebenes Familienmitglied starb, kam sie unter die Obhut des Mannes, dem ihr Vater vor seinem Tod das Versprechen abgenommen hatte, ihre Ausbildung zu vollenden. Er verwahrte auch die kostbaren Erbstücke, bis Isabelle zusammen mit den wenigen anderen verbliebenen Lehrlingen ihre Prüfung bestanden haben würde. Unter eben diesen jedoch befand sich ein Jüngling, der es vermochte, ihr zu Stille erzogenes Herz zu berühren. Doch es war nicht der Zeitpunkt für eine zarte, sich anbahnende Liebe, und als es heraus kam, verbot man den beiden alles, denn einer rein kameradschaftlichen Freundschaft. Natürlich war damit der Sache kein Ende gesetzt und nach einer Reihe geheim gehaltener Treffen reifte in den beiden der Entschluss, zu fliehen. Es gab genug entvölkerte Orte und ganze Landstriche, die ihnen Zuflucht gewähren könnten. Sie entschieden sich für den Weg durch die Wüste, dorthin würde man ihnen am wenigsten folgen, wenn dies überhaupt versucht werden würde. In jedem Fall würden sie ihr Leben lang als Verräter gelten und von der einen wie der anderen Seite gejagt und gehasst werden. Am Vorabend der Schlacht, bei der die letzte Stadt der Anhänger des Alten Volkes erstürmt werden sollte, stahl Isabelle die gut verwahrten Waffen ihres Vaters, um dann mit ihrem Liebsten zu Pferde zu fliehen. Doch noch ehe sie das Stadttor passieren konnten, wurden sie entdeckt. Ein besonders engagierter Wachtposten eröffnete das Feuer gegen sie, während das Pferd auf den rettenden Durchgang in der Stadtmauer zugalloppierte…