„Und hier sind ihre Mitternachtsnachrichten. Heute mit folgenden Themen: Die Afrikanischen Bürgerkriege spitzen sich zu, Millionen Menschen kurz vor dem Hungertod. Warlords beschlagnahmen sämtliche Lebensmittel. – Ähnliche Zustände in Südeuropa. – Unmut in der Bevölkerung - die Arabischen Emirate und ihre Öl-Politik im Fokus der Welt“

In dem Kaffee, in dem der Fernseher so vor sich hin flackerte und der Nachrichtensprecher mit emotionsloser Stimme eine Katastrophe nach der anderen aufzählte, waren um diese Uhrzeit kaum noch Leute. Eine digital Uhr an der Wand zeigte kurz vor zwei Uhr Nachts an. Jetzt waren sowieso nur noch Nachtschwärmer und wunderliche Gestalten unterwegs.

Der Ausblick von hier war herrlich. Zumindest, wenn man es genoss auf Unmengen von Hochhäusern hinunter zu schauen. Das Cafe hier, war eines der vielen 24-Stunden Cafés die in letzter Zeit wie Unkraut aus dem Boden sprossen. Wieder einer dieser völlig unnötigen und vor allem sinnlosen Trends. Sinnlos, weil die Ressourcen immer knapper wurden. Aber das Bedürfnis der Bevölkerung nach Nähe und Gesellschaft in solchen Tagen war erschreckend groß. In der Herde fühlt man sich immer sicherer… Die meisten Gäste saßen um diese Uhrzeit noch an der exklusiven Bar und ließen sich sündhaft teure Drinks mixen und genossen den Abend.
Das komplette Stockwerk war verglast, sodass man einen wunderbaren Rundumblick hatte, auf die ganze Stadt. Die Tische waren gleich mäßig im Raum verteilt und obwohl bei Tageslicht die Fensterplätze am begehrtesten waren, saß jetzt nur eine Person auf einem der weichen, bequemen Sessel. Ein Mann von ungefähr Mitte 20 saß da. Die langen, blonden Haare in einem Zopf, der Blick düster-nachdenklich. Beständig schaute er auf ein weiteres Hochhaus, das ungefähr 500m Luftlinie entfernt war. Er nahm einen kräftigen Schluck von seinem Earl Grey und warf einen kurzen Blick auf den Fernseher – „ Jetzt ist es an der Zeit Professor Doktor Doktor Bäuschle zu einem Statement zu bitten: Was sagen sie zur Ölkrise? - Nun… noch vor 2 Jahrzehnten wäre dies der absolute Super-Gau für uns gewesen! Ich meine, damals fuhren die meisten Autos noch mit Öl und auch so einiges anderes. Aber in weiser Voraussicht sind wir ja auch auf Erdgas umgestiegen. Deshalb finde ich, wird dieses Thema völlig überspitzt dargestellt. Ich meine, wir brauchen das Öl doch kaum noch. Ich finde die Mediale Welt geht an dieses Thema viel zu reißerisch heran. Die Bevölkerung wird völlig umsonst verrückt gemacht. Meine Damen und Herren! Machen sie sich keine Sorgen. Der Fortschritt des Menschen ist nicht aufzuhalten. Wir haben intelligente Technologien. Lassen sie sich von solchen Krisen…“ Mit einem angewiderten Gesichtsausdruck wandte der Mann seinen Blick ab. >>Quacksalber. Elender Lügner! Verbrecher! Mörder!<< schoss es ihm durch den Kopf. Dann wandte er seinen Blick wieder zurück auf das Hochhaus. Der Mann der im Fernsehen gerade zu sehen gewesen war, dieser Prof. Dr. Dr. Bäuschle war der Inhaber der Firma, die sich in ebenjenem Hochhaus befand. Eine Phramafirma. Äußerlich Tipptopp, mit einer mittlerweile wieder makellos weißen Weste. Äußerlich. Wie viele Gelder wohl geflossen waren, damit dieser Ruf bestand hatte? Diese Firma war Marktführer wenn es um das Thema Menschliches Erbgut ging. Schon bevor es legal geworden war, mit menschlichem Erbgut herumzuexperimentieren, hatte diese Firma geforscht. Offiziell ging es um das heilen menschlicher Krankheiten, dafür wurde experimentiert und die Forschung vorangetrieben. Der junge Mann trank noch einen Schluck aus seinem Earl Grey. Das alles wusste er über die Firma, weil er selbst dort arbeitete. Er war schon immer zielstrebig gewesen, hatte seinen Job geliebt und immer sein bestes gegeben, egal wie viel Stress er hatte, egal wie wenig Schlaf und egal wie knapp die Zeit war, die er zum Entwickeln hatte. Bis er eines Tages von einem Arbeitskollegen ins Vertrauen gezogen wurde und die Wahrheit, das Inoffizielle erfuhr…
Die Uhr an der Wand zeigte mittlerweile kurz vor halb drei. Der blonde Hüne stand auf und lief zur Bar. Er zahlte seinen Earl Grey und ging zum Aufzug. „Bald“, dachte er „bald, ist die Ordnung wieder hergestellt. Heute Nacht…“

Augen öffnen sich. Eine zähflüssige, giftgrüne Flüssigkeit trübt den Blick. Es ist angenehm warm. Sie fühlt sich leicht, schwerelos. Die Flüssigkeit trägt sie. In den Armen und an mehreren Stellen ein leichtes ziehen und stechen unter der Haut. Sie ignoriert es. Sie kennt es, es war schon immer da. Durch die trübe Flüssigkeit erkennt sie dunkle Schemen, die geschäftig hin und her laufen. Manchmal bleiben sie stehen vor ihr. Gedämpft hört sie ein regelmäßiges Piepsen, die restlichen Geräusche sind unheimlich leise. Leise hört sie auch Gespräche. Sie versteht was sie da reden, aber irgendwie auch wieder nicht. Sie will sich nicht bewegen. Fühlt sich so seltsam leicht und gleichzeitig schwer. Sie kann sich auch gar nicht bewegen. So schwerfällig ist alles.
Über ihr sind eine Menge komische, längliche Gebilde. Sie kennt sie. Manchmal bewegt sie sich. Aber eher selten. Sie hat den Eindruck, jede Bewegung würde unheimlich viel Kraft kosten.
Auf einmal fängt es an zu blitzen. Sie sieht, wie mehrere Schemen vor ihr auftauchen. Auf einmal hört sie ein leises Knacken und plötzlich bricht die Hölle über sie herein. Das Glas vor ihr zerspringt und sie wird von der Wucht mit der die Flüssigkeit auf einmal nach allen Seiten drängt, umgeworfen. Sie spürt auf einmal jede einzelne Nadel und Kanüle in ihrem Körper schmerzhaft. Eine Flut von unerträglich lauten Geräuschen bricht über sie herein. Ihrem Mund entweicht ein markerschütternder Schrei. Ein Schrei der ihren Schmerz ausdrückt, den sie empfindet. Das Licht ist zu hell, die Geräusche sind zu laut, sie hat Schmerzen am ganzen Körper, besonders ihr Rücken… und ihr ist kalt, so furchtbar kalt. Dann kam die Ohnmacht.

Nachdem der Kampflärm sich gelegt hatte und die Kämpfer tiefer in den Geheimtrakt vorgedrungen waren, betrat er den Raum. Er kam nur einen Schritt weit, dann traf ihn mit voller Wucht die Erkenntnis. Zwar war ihm erzählt worden, was ihn erwarten würde, aber er hätte nie gedacht, welche Ausmaße die Perversion des Prof. Dr. Dr. Bäuschles tatsächlich hatte. Sie hatten sich in das Gebäude geschlichen und waren dank seiner Zugangscodes bis kurz vor die Chefetage hinauf gelangt. Den Rest hatten Hacker oder Gewalt erledigt. So hatten sie sich zutritt zu dem Geheimtrakt verschafft und jetzt stand er Buchstäblich vor den Früchten der Ideen eines kranken Geistes. Seine Männer waren voraus gerannt und machten weiterhin allen Sicherheitsleuten und Forschern den Garaus die noch auf diesem Trakt waren. Es war ihre Art auf diesen Anblick zu reagieren. Blinde Wut gegen jene, die das angerichtet hatten. Im Raum waren eine Menge verschlossene Säulen. Er wusste ganz genau, was darin aufbewahrt wurde. Schwer wogen seine Schritte, als er sich endlich weiter in den Raum wagte. Viele der Gerätschaften waren zerstört und er wagte es gar nicht, sich zu genau umzuschauen, denn hier lagen überall tote Sicherheitsmänner. Von weiter hinten im Gebäudetrakt konnte er immer noch Kampfeslärm hören. Schüsse, das Klirren von Glas, Schreie.

Dann wurde sein Blick magisch von einer zerbrochenen Säule im hinteren Teil des Raumes angezogen. Vom oberen, metallenen Teil hingen teilweise zerrissene Schläuche hinunter. Aber einige waren noch straff gespannt. Wohin sie gingen, konnte er in dem Gewirr aus Gerätschaften und Tischen von hier aus nicht erkennen. Vorsichtig bewegte er sich zu diesem… überdimensionalen Reagenzglas, stieg über zerschossene Computerteile, Kabel und auch über einen der Sicherheitsmänner, den er lieber nicht genauer anschaute, weil er gar nicht wissen wollte, wo die tödliche Wunde war. Als er näher kam, konnte er erkennen, das dort ein Schemen lag. Er stürzte darauf zu, ignorierte das knirschen von Glas und die Flüssigkeit die um seine Schuhe lief. Dann blieb er wie vom Donner gerührt stehen. Er hatte gewusst, dass ihn grausames erwarten würde. Als er den Trakt betreten hatte, war ihm klar geworden, wie viele sie wohl von diesen Wesenheiten geschaffen hatten. Jetzt bekam er erstmals eines von ihnen zu Gesicht. Vor ihm lag, teilweise noch an den Schläuchen hängend eine junge, blutende Frau. Oder zumindest etwas, was eine Frau sein sollte. Sie war nicht über- oder unterdurchschnittlich groß. Irgendetwas um die 1,70. Sie sah auch ganz normal aus, bist auf… Sein Gesicht spiegelte das pure, nackte Entsetzen wieder, als er auf ihren Rücken starrte. Grün. Giftgrün. Ihre Wirbelsäule war mutiert, sie war zur Hälfte aus dem Körper rausgewachsen und giftgrün… Man konnte jeden einzelnen Wirbel deutlich erkennen und an jedem einzelnen waren… Widerhaken? Zacken? Hörner? Er fand keine zutreffende Beschreibung dafür. An jedem Wirbel, waren drei Widerhaken. Zwei waren noch halb im Körper gewachsen, einer stand direkt in der Mitte des Wirbels nach außen, vom Körper weg. Und dort, wo normalerweise die Wirbelsäule in dem Steißbein endete, hatte sich, wohl durch Genetische Veränderung, ein Schwanz gebildet, man konnte jeden einzelnen Wirbel erkennen, und der Schwanz endete zu allem Überfluss auch noch in einem wie eine übergroße Pfeilspitze geformten Ende. Die Schwanzwirbel waren durch einen dünnen Strang aus… nun. Das war eine gute Frage, was das war, jedenfalls war es von Haut umhüllt, und man sah auch immer nur winzige Stücke. Die Schwanzwirbel hatten vier Zacken, in jede Richtung einer und wurden immer kleiner. Vorsichtig berührte er das Wesen, was vor ihm lag. War sie tot? Vorsichtig berührte er die rotblonden Haare. Dann fiel sein Blick auf die Tafel am unteren, metallenen Ende des Reagenzglases: 6414. Das war wohl die Nummer die man dem Versuchsobjekt gegeben hatte. Er fühlte ihren Puls.

Ihr Kopf schmerzte als sie das Bewusstsein wiedererlangte. Es war immer noch sehr laut, aber so langsam gewöhnte sie sich daran. Der Boden war hart und alles schmerzte. Aber es war noch eine andere Empfindung dazu gekommen. Sie öffnete langsam die Augen um herauszufinden, woher dieses seltsame, aber nicht unangenehme Gefühl an ihrem Hals kam. Sie erblickte einen jungen, relativ großen Mann, der vor ihr kniete. Ein paar blonde, längere Strähnen hingen wirr in sein schweißnasses Gesicht, der Rest wurde in einem Zopf zurück gehalten. Sein Arm führte zu ihrem Hals, also schien er sie zu berühren. Verwirrt sah sie ihn an. Ruckartig nahm er seine Hand zurück und redete sofort auf sie ein: „Entschuldige! Geht es dir gut?“ >>Was rede ich da nur für einen Blödsinn, ich weiß nicht mal ob es… sie… mich versteht?!<< dachte er sich. Doch die Frau vor ihm nickte leicht. Sie schien zu verstehen, was er von ihr wollte. „Ich bin Alek.“ Sagte er. Sie starrte ihn nur weiter an. Sie war verwirrt. Sie verstand was er ihr sagte, auch den Sinn. Sie hatte auch immer verstanden, was die Wissenschaftler von ihr wollten, aber da waren die Stimmen immer näher an ihrem Ohr, nein in ihrem Ohr gewesen, sie waren nie von außen gekommen. „Wer bist du?“ fragte Alek währenddessen ins Blaue hinein, in der Hoffnung sie würde ihn verstehen. Die Frau starrte ihn nur weiter an, dann versuchte sie sich aufzurichten, keuchte jedoch vor Schmerzen auf, als die Schläuche sich spannten.
Alek starrte die Schläuche an, dann wieder die Frau. Er hatte kein Messer dabei. Und im nächsten Umkreis sah er auch nichts, womit er die Schläuche zerstören konnte. Aber offenkundig konnte er sie nicht weiterhin so liegen lassen. Vorsichtig half er ihr, sich in eine sitzende Position zu begeben. Dann nahm er ihr Gesicht in beide Hände, bei Gott! Sie hatte unnatürlich hellgrüne Augen! Er drehte ihr Gesicht zu dem seinen, um sicher zu gehen, dass sie ihn anschaute: „Ich will dich von diesen Dingern befreien, aber das wird weh tun.“ Sie sah ihm direkt in die Augen und er konnte stilles Einverständnis darin lesen.
Dann begann er, mit größter Vorsicht die Kanülen und Nadeln aus ihrem Körper zu ziehen. Sie schrie dabei und ließ sich gegen ihn sinken. Als er ihre Arme von allen Schläuchen befreit hatte und sie diese endlich frei bewegen konnte, krallte sie sich instinktiv an ihm fest. Sie schrie so erbärmlich und Alek fühlte ihre Schmerzen fast körperlich. Als die letzte Nadel gezogen, der letzte Schlauch entfernt war, blutete sie leicht aus unzähligen kleinen Einstichen. Sie war völlig entkräftet und zitterte am ganzen Leib. Völlig hilflos strich Alek ihr über die Haare und versuchte sie zu beruhigen. Sein Blick fiel auf die Schläuche, bei denen aus einigen noch immer zähflüssig irgendwelches Zeug tropfte… Wie grausam. Er fasste einen Entschluss.
Egal was sein Auftraggeber gesagt hatte. Er würde hier nicht länger bleiben. Er konnte nicht riskieren, dass diesem Wesen etwas geschah. Er konnte nicht glauben, dass sie gefährlich war. Nicht so, wie sie völlig nackt, zitternd und leise winselnd vor Schmerz an seiner Brust lag. Nein. Niemals.
Alek zog seinen Mantel aus und legte ihn der Frau um die Schultern. Dann fiel sein Blick erneut auf die Tafel hinter sich. 6414. In ein paar Stunden würde hier alles in Flammen stehen. Doch er konnte diesem Wesen, an dessen Schicksal er zum Teil selbst Mitschuld war, nicht dem Tode überlassen. Schließlich war sie doch auch,… nur ein etwas veränderter Mensch. Er versuchte sie aufzurichten, aber sie war zu schwach und immer wieder knickten ihre Beine ein. Schließlich gab er es auf. Alek überlegte kurz und nahm sie dann auf seine Arme, wie ein Bräutigam seine Braut trug. „Gaia,“ sagte er langsam und bedächtig. Dann wiederholte er es: „Gaia. Komm mit mir, wir müssen von hier weg…“
Sie sah ihn an, ihr Blick schien klarer zu werden und zum ersten Mal in ihrem Leben, kam ein Wort über ihre Lippen: „Ja…“


Fortsetzung:

Alek wusste nicht mehr wie er es geschafft hatte nach Hause zu kommen, als er die bereits schlafende Gaia auf sein Bett legte.
Kaum hatte Alek mit der geschwächten Gaia den riesigen grauen Gebäudekomplex verlassen, kamen aus allen Richtungen die schwarzen, gepanzerten Wagen von Bäuschles Schlägern oder "Geheimpolizei" wie er sie offiziell nannte (Aber ehrlich, wie geheim konnte eine Polizei sein, die aus riesigen Schränken bestand und auf alles was ihnen im Weg stand mit dem Knüppel einschlug?). Etwas ihn ihm rebellierte. Eigentlich müsste er zurück, die Anderen warnen, ihnen helfen. Sie waren noch immer im Labor und er wusste, dass es nur diesen einen Weg hinaus gab. Doch was konnte er schon ausrichten und was sollte dann aus Gaia werden? Auch wenn es ihm schwer fiel, sah er ein, dass durch einen überstürzten Anfall von Zivilcourage im Moment niemandem geholfen war. Schon während er überlegte rutschte er geistesgegenwärtig an der Wand entlang in die Schatten der nächsten Gasse. Wenn jemand das Mädchen auf seinem Arm gesehen hätte... Er mochte gar nicht daran denken. Er fixierte die Tür des Pharmakonzerns. Die schwarzen Panzerwagen hielten. Zum ersten Mal seit er hinter Bäuschles wahre Machenschaften gekommen war musste er ihm innerlich danken.
Alek war vor einigen Jahren aufgrund eines Unfalls in seiner Abteilung auf dem rechten Auge erblindet. Bäuschle hatte zu diesem Zeitpunkt ein Forschungsprojekt initiiert, dass die künstliche Wiederherstellung des Augenlichts durch Implantation eines Mikrochips in die Netzhaut zum Ergebnis haben sollte. Alek war einer der ersten Freiwilligen, die sich für die Tests meldeten. Allerdings hatte er durch den Chip nicht nur sein Augenlicht zurückgewonnen sondern sich auch noch einige zusätzliche Fähigkeiten angeeignet. Eine dieser bestand darin, dass er (wenn auch nur in Grautönen) in fast absoluter Finsternis sehen konnte. Dieser Fähigkeit hatte er es zu verdanken, dass ihm nun das ganze Ausmaß der Situation bewusst wurde in der er und vor allem die Anderen sich befanden. Neben den Schlägern die sich langsam vor der Tür formatierten sah er Schleicher. Bisher hatte er noch nie einen von ihnen zu Gesicht bekommen, doch ihr Ruf eilte ihnen weit voraus. Shit zischend entwich der Fluch Aleks fest zusammen gebissenen Zähnen. So unscheinbar und schmächtig die Schleicher auch wirken mochten, einer von ihnen war gefährlicher als eine ganze Horde von Bäuschles normalen Schlägern, denn sie waren intelligent. Sie gehörten zu Bäuschles liebsten "Erfindungen". Es gab kaum eine Möglichkeit ihnen zu entkommen wenn sie erst einmal die Fährte aufgenommen hatten, denn sie waren in der Lage in einen niederen Verstand einzudringen, die Informationen die sie brauchten heraus zu filtern und ihn sogar zu manipulieren. Schleicher waren ein übermächtiger Gegner auch wenn sie selbst nicht töteten. Zumindest versuchte man das der Bevölkerung einzureden. Es dauerte keine 20 Sekunden bis Aleks Hirn den Befehl Lauf oder es könnte zu spät sein an seine Beine schickte... und er lief.
Er betrachtete die schlafende Gaia noch einen Moment und verließ dann das Zimmer.
Dicker, weißer Dampf füllte das kleine Bad als Alek mit geschlossenen Augen das Gefühl des heißen Wassers auf seinem Körper genoss. Mit dem Geruch nach Schweiß, Feuer und Staub verschwanden auch die quälenden Fragen wie es weiter gehen sollte und die unausgesprochenen Ängste aus seinem Kopf, zumindest für eine Weile. Langsam entspannte er sich. Er stand noch lange so da, ohne eine Bewegung, ohne einen Gedanken. Wie gern wäre für immer dort stehen geblieben. Mit einem Seufzer riss er sich selbst aus der Lethargie, stieg aus der Dusche und begann sich abzutrocknen.
Schlaflos starrte Alek an die Decke über der Couch und versuchte jeglichen Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen um endlich ein wenig Schlaf zu finden. Die halb leere Flasche Scotch auf dem kleinen Tisch neben ihm zeugte von dem vergeblichen Versuch die lästigen Gedanken zu ertränken. Vor Aleks Augen entstand das Bild eines makellosen Gesichts. Die leuchtend grünen Augen so voller Angst und Schmerz das ihm das Herz brechen wollte. Es war Gaia. Nackt und verletzlich so wie er sie im Labor gefunden hatte. Das Bild verschwamm und fand er sich in einem blühenden kleinen Garten wieder. Etwas entfernt von ihm stand ein kleines Mädchen. Die langen schwarzen Locken umrahmten ein porzellanartiges Gesicht und vielen über die Schultern aus das bunt geblümte Sommerkleid. Neugierig und fragend blickte die Kleine ihm entgegen. Plötzlich begann sie über das ganze Gesicht zu strahlen Alek! Du bist hier! Sie drehte sich um und lief ein Stück, dann schaute sie zurück und leuchtend grüne Augen strahlten ihm entgegen,als sie rief Komm schon, ich will dir etwas zeigen! Noch bevor er ihr antworten oder ihr folgen konnte, weckte ihn das Geräusch von splitterndem Holz.
Es blieben ihm nicht einmal Sekunden um zu realisieren, dass jenes Geräusch, das ihn soeben aus dem Schlaf gerissen hatte von seiner Wohnungstür stammte, die er immer für recht stabil gehalten hatte und dann schoss es ihm durch den Kopf Gaia! Noch ehe sein Verstand und sein Selbsterhaltungstrieb rebellieren konnten, stürzte Alek in Richtung Schlafzimmer.
Ein vereinzelter Sonnenstrahl, der sich durch die dichte, graue Decke die Tag für Tag über der Stadt lag, verirrt hatte, weckte Gaia aus einem tiefen, traumlosen Schlummer. Panik überkam sie, als sie die Augen aufschlug. Alles war so fremd, so anders. Mit gehetztem Blick schaute sie sich um. Wo war sie und warum? Was war passiert? Und dann kam die Erinnerung zurück. All die Gefühle und Empfindungen der letzten Nacht überfluteten ihren Geist. Das plötzliche Licht, der Lärm und die fremden Stimmen, dann die Erschütterung und der unerträgliche Schmerz als die Welt um sie herum in Stücke brach und sie sich auf dem kalten Boden im Mitten messerscharfer Scherben, Blut und Dreck wieder fand. Und dann plötzlich tauchte er auf. Er kam auf sie zu, befreite sie und nahm sie mit. Ein Gedanke regte sich in ihr. Ohne ihn wäre sie gestorben. Behutsam richtete sie sich im Bett auf. Sie war noch immer in den viel zu großen Mantel gehüllt. Langsam schob sie ihre Beine über die Bettkante, betrachtete ihre Füße und bewegte die Zehen. Dann gab sie sich innerlich einen Ruck, stellte sie ihre Füße auf den Boden und begann sich langsam aufzurichten. Tausend Empfindungen strömten auf sie ein. Das weiche Gefühl des flauschigen Teppichs unter ihren Füßen, all die Gerüche, das Licht, die Freiheit. All das war so überwältigend, dass sie beinahe den Halt verlor. Im letzten Moment konnte sie sich an der Kommode neben dem Bett abstützen und dann machte sie ihre ersten Schritte, erst zaghaft, dann immer sicherer. Es dauerte nicht lange bis sie wie selbstverständlich durch das Zimmer lief. Während sie ihre Bewegungen immer weiter perfektionierte, fiel ihr der kleine Spiegel an der Wand ins Auge. Fasziniert trat sie näher. Vorsichtig berührte sie die glatte, kalte Oberfläche. Sie war wie gefangen von ihrem eigenen Anblick. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich selbst gesehen. Ein lautes Krachen riss sie aus ihrem Erstaunen und ließ sie zurückschrecken. Unsicher wich sie zurück bis sie die Wand in ihrem Rücken spürte.
Alek stürmte in durch die Tür des Wohnzimmers in den kleinen Flur. Er war fest entschlossen Gaia zu retten, ihr zur Hilfe zu eilen. Sie war so schwach, so zerbrechlich. Doch was ihn im Flur erwartete ließ ihn schlucken. Einer von Bäuschles Schlägern stand riesig und dümmlich grinsen direkt vor ihm und mindestens zwei weitere standen noch vor der Tür. Tausend Gedanken schossen Alek gleichzeitig durch den Kopf Scheiße, was soll ich nur machen? Die Pistole! Nein, die liegt neben der Haustür. So ein Mist. Warum hab ich sie dort nur liegen gelassen. Weg laufen? Wohin denn? Du befindest dich im 16ten Stock und ein Riese blockiert die Haustür. Scheiße, scheiße, scheiße... Alek war groß und muskulös, ja... aber gegen diese Schränke würde er keine Chance haben. Aber ihm wurde klar, er konnte es nur versuchen. Etwas anderes blieb ihm gar nicht übrig. Alek griff nach der hässlichen Vase die auf dem kleinen Tischchen neben ihm stand und schlug sie dem Schrank von einem Mann vor sich über den Schädel. Dieser wirkte recht irritiert als das Ding mit Wucht seine Schläfe traf und in tausend Teile zerbarst. Alek nutzte dem Moment um seinem Gegenüber einen kräftigen Schlag in den Magen zu versetzen. Die Verwirrung des Riesen verwandelte sich in tobende Wut. Er packte den blonden Kerl der ihn soeben geschlagen hatte am Kragen und drückte ihn gegen die Wand. Mit einem Schlag wich die gesamte Luft aus Aleks Körper. Er japste, wand sich, versuchte dem Griff der riesigen Faust zu entkommen, doch er schaffte es nicht. Er war einfach nicht stark genug. Dann traf ihn ein Schlag ins Gesicht. Für einige Sekunden wurde es Alek schwarz vor Augen. Er schmeckte Blut und fühlte einen unbeschreiblichen Schmerz, doch als er die Augen wieder öffnete, schien es ihm als wollte sein Herz für einen Moment aussetzen. Die Tür zum Schlafzimmer hatte sich geöffnet und dort im Flur stand sie, Gaia zwischen den riesigen, schwarz gekleideten Schlägern und blickte ihn an. Alek wollte schreien, kämpfen, ihr sagen sie solle sich in Sicherheit bringen, doch er war zu nichts davon in der Lage. Panik stieg rasend schnell in ihm empor und dann veränderte sich etwas. Er spürte es in der Luft. Die ganze Welt schien für einen winzigen Moment still zu stehen und dann veränderte Gaia sich. Ihr Blick schien plötzlich eiskalt und ihre leichten grünen Augen verwandelten sich in ein tiefrotes Höllenfeuer. Ein markerschütternder Schrei verlies ihren Mund als Gaia sich auf die Angreifer stürzte. Alek war vollkommen fassungslos. Verstört und zutiefst erschüttert beobachtete er das Geschehen. Das Mädchen das er gerade noch beschützen wollte hatte sich innerhalb von Sekunden in eine mordende Furie verwandelt. Überall war Blut. Keiner der Schläger hatte auch nur den Hauch einer Chance und dann war plötzlich alles vorbei. Eben so schnell wie es begonnen hatte, fand das Spektakel ein Ende. Völlig erschöpft brach Gaia direkt vor ihm zusammen. Alek schaltete. Sie mussten hier weg. Sofort! Es würde nicht lange dauern bis Bäuschle ihnen wieder jemanden auf den Hals hetzte. Sie mussten die Stadt verlassen und zwar so schnell wie möglich. Alek zerrte unter Schmerzen die erschöpfte Gaia ins Bad, riss ihr den halb zerfetzen und vollkommen blutverschmierten Mantel vom Leib und begann in Windes Eile das Blut von ihr zu waschen. Als sie wieder so weit zu sich gekommen war, dass sie sich selbst in der Dusche aufrecht halten konnte, kümmerte er sich um sein Gesicht. Es war geschwollen, blau und rot und tat höllisch weh. Er wühlte in dem kleinen Schrank über dem Waschbecken, fand was er suchte und schluckte einige der Schmerztabletten. Für mehr war keine Zeit. Er rannte zurück ins Schlafzimmer, schnappte sich einen Rucksack und stopfte einige Dinge hinein. Dann öffnete er einen Schrank in den er lange nicht mehr hinein geschaut hatte. Trauer überkam ihn als er die Sachen betrachtete die einmal seiner Schwester gehört hatten. Wieder kam ihm das kleine Mädchen aus seinem Traum in Erinnerung. Es verging nicht eine Nacht ohne das er von ihr träumte. In seinen Träumen sah sie immer so glücklich aus. Noch immer schmerzte es ihn wenn er daran dachte das er ihr nicht hatte helfen können. Sie war einfach in seinen Armen gestorben. Sie war damals der Grund gewesen, dass er angefangen hatte für Bäuschle zu arbeiten. Er wollte nicht das noch jemand zusehen musste wie ein geliebter Mensch so starb. Er wollte ein Heilmittel für ihre Krankheit finden.
Er zwang sich dazu in die Realität zurück zu kehren. Er hatte keine Zeit. Schnell griff er den Rock der ihr immer so gut gefallen hatte. Er bestand aus Leder, einem Rohstoff der heute kaum noch zu beschaffen und damals schon sehr selten war. Dann öffnete er die kleine Schatulle. In ihr lag, seit dem unberührt, die Kette die seine Schwester an ihrem Todestag vor 5 Jahren getragen hatte. Sie war immer so fasziniert von den kleinen filigranen Teilen gewesen. Niemals hätte er dieses Kleinod zurücklassen können. Zurück bei Gaia half er ihr sich abzutrocknen und gab ihr den Rock seiner Schwester und eines seiner T-shirts zum anziehen. Er schaute sie einen Augenblick an, griff dann in seine Hosentasche und hängte Gaia die Kette um. Sie hätte gewollt, dass du sie trägst... Pass gut auf sie auf.